Das Modern Line Dance Konzept

Unser Modern Line Dance Konzept

Das Grundprinzip des Line Dance – eine feste Choreografie, die sich nach einer bestimmten Anzahl von Counts wiederholt und durch Walls (Drehungen) in verschiedene Richtungen getanzt wird – ist gleichzeitig seine Stärke und seine größte Einschränkung. Wer schon länger tanzt, wünscht sich oft mehr Abwechslung, ohne den gemeinschaftlichen Charakter zu verlieren.

Genau das machen wir beim Modern Line Dance oder wir versuchen es, soweit es geht.

  1. Variable Choreografien statt starrer Wiederholungen

Anstatt 32 Counts immer identisch zu wiederholen, verändern wir die Choreografien und kombinieren unterschiedliche Lines.

Beispiel:

  • Teil A (16 Counts) – My Kicks
  • Teil B (16 Counts) – Kick It
  • Teil C (16 Counts) – Balance Stroll

Je nach Musik oder Ansage entsteht:

  • A-B
  • A-C
  • B-C
  • A-B-C

Dadurch bleibt der Tanz vertraut, aber auch abwechslungsreicher.

  1. Musikalische Entscheidungen

An markanten Stellen der Musik entscheiden die Tänzer selbst zwischen zwei Schrittfolgen. Ich versuche immer diese Stellen zu identifizieren, um verschiedene Optionen zu trainieren.

Zum Beispiel:

  • bei ruhiger Musik: Grapevine gedreht oder eine komplexere Schrittfolge
  • bei stärkerem Beat: Shuffle-Kombination einbauen

Alle tanzen weiterhin gemeinsam, haben aber Freiheiten.

  1. Dynamische Richtungswechsel

Nicht jede Wall muss 90° sein.

Möglich wären:

  • 45°
  • 180°
  • Kreisbewegungen
  • Spiralen
  • Rückwärts-Walls

Dadurch verändert sich das Raumbild erheblich. Wir trainieren meistens immer erst ohne Drehungen, bis alles sitzt und lassen die Choreo im Raum zu den Walls später drehen.

  1. Interaktiver Line Dance

Obwohl jeder einzeln tanzt, könnten kurze Partner- oder Gruppenmomente eingebaut werden. Das machen wir tatsächlich selten. Mit der L.O.V.E.-Routine haben wir aber ein schönes Beispiel.

Zum Beispiel:

  • Blickkontakt
  • gemeinsames Klatschen – Schnick, Schnack, Schnuck 😉
  • Positionswechsel innerhalb der Line
  • kurzes Spiegeln des Nachbarn

Danach geht jeder wieder in seine ursprüngliche Linie zurück.

  1. Level-System

Wie bei Computerspielen können derselbe Tanz verschiedene Schwierigkeitsgrade besitzen.

Basis-Version:

  • einfache Walks
  • Side Steps

Fortgeschritten:

  • Syncopations
  • Turns
  • Footwork

Alle tanzen denselben Tanz, aber jeder auf seinem Niveau.

  1. Improvisationsfenster

Nach jedem zweiten Durchgang gibt es vier oder acht Counts zur freien Gestaltung. Wie z.B. beim Boogie Flöz, wenn nach einem Durchlauf der Break geändert wird.

Dazu individuelle Änderungen mit:

  • Spins
  • Styling
  • Armbewegungen
  • kleine Footwork Add Ons

Danach kehren alle synchron zur Choreografie zurück.

  1. Überraschungs-Elemente

Die Musik bestimmt Veränderungen.

Beispielsweise:

  • bei jedem Refrain andere Armbewegungen
  • bei Instrumentalpassagen Formation wechseln
  • bei Breaks Freeze wie beim Shim Sham
  • beim Beat-Drop Richtungswechsel
  1. Formationen statt nur Linien

Warum immer nur parallele Reihen? Wir trainieren ja eher locker ohne feste Formationen. Hier gäbe es noch einiges zu entdecken. Die Raumgröße spielt natürlich eine Rolle. Hier sind wir schon etwas eingeschränkt. Nutzen ja keine Sporthalle.

Denkbar wären:

  • Kreis
  • Doppelkreis
  • V-Formation
  • X-Formation
  • Wellen
  • versetzte Reihen

Dadurch entsteht ein deutlich interessanteres Gesamtbild.

  1. Modulares Baukastensystem

Statt komplette Tänze auswendig zu lernen, lernt man einzelne „Bausteine“. Diese Parts werden mit der Zeit gut verinnerlicht und nach ca. 1 Jahr kann man bereits vieles gut auswendig abrufen.

  • Grapevine-Modul
  • French-Modul
  • Hound Dog-Modul
  • Shadow-Modul
  • Triple-Turn-Modul

Als Choreograf setzt man daraus immer neue Kombinationen zusammen. Das reduziert den Lernaufwand und erhöht gleichzeitig die Vielfalt.

Ein spannender Ansatz: „Adaptive Line Dance“

Man könnte das klassische Konzept um Regeln erweitern, ähnlich wie bei Gesellschaftstänzen oder Spielen:

  • Die Musik gibt bestimmte Wechsel vor.
  • Ein Caller kündigt gelegentlich Varianten an, wie beim MADISON
  • Tänzer reagieren auf musikalische Signale.
  • Verschiedene Linien tanzen zeitweise unterschiedliche Sequenzen und finden anschließend wieder synchron zusammen. Wir haben hier als Beispiel unsere CBMS-Line
  • Je nach Erfahrungsstufe können optionale Erweiterungen eingebaut werden.

Dadurch bleibt die Synchronität erhalten, aber jeder Durchgang fühlt sich etwas anders an. Das verbindet die Struktur des Line Dance mit der Lebendigkeit von Improvisation.

Letztlich könnte die Weiterentwicklung darin bestehen, Line Dance weniger als starre Choreografie und mehr als regelbasiertes Tanzsystem zu verstehen: Die Grundschritte bleiben fest definiert, doch Reihenfolge, Übergänge, Formationen und Variationen entstehen innerhalb klarer Regeln. So bleiben Gemeinschaft und Wiedererkennbarkeit erhalten, während Kreativität und musikalische Interpretation deutlich mehr Raum bekommen.

Wenn Du es bis hier geschafft hast, dann sollte Dir klar sein, dass Modern Line Dance bei uns schon auch etwas mehr ist, als ein Paar Schritte auswendig zu lernen.

Klaus Thiesing